Gastbeitrag von Iris

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Gastbeitrag von Iris

© Iris Bachmeier

Als mich meine liebe Freundin Lisa gebeten hat, einen Gastbeitrag zum Thema „Home Office“ zu verfassen, war ich erst mal ziemlich unschlüssig, was ich dazu schreiben sollte. In erster Linie deshalb, weil ich mit dem Begriff an sich nicht allzu viel anfangen kann – als ich vor rund 17 Jahren damit anfing, hieß das einfach „von daheim aus“ …

Wie bei vielen anderen auch war die Idee, etwas dazuzuverdienen und sich möglichst nach und nach ein zweites Standbein aufzubauen, eher aus der Not geboren als aus einer bewussten Entscheidung für die Selbstständigkeit. Ausschließlich davon zu leben war völlig undenkbar, ich war alleinerziehend, der Vater zahlte keinen Unterhalt und ich musste zwangsläufig einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen.

Allerdings hatte ich immer das Glück, tolle Jobs zu ergattern – ich war als Seminarreferentin und Projektleiterin in einem Modellprojekt zur kommunalen Integration tätig, das ich selbst konzipiert hatte. Dementsprechend war ich natürlich daran gewöhnt, meine Infomaterialien, Schulungsunterlagen und alles, was so anfiel, selbst am PC zu erstellen, ich hatte mit vielen Menschen zu tun und so dauerte es nicht lange, bis Leute mit der Bitte auf mich zukamen, das auch für sie zu machen. Das war eine interessante und ausgesprochen lehrreiche Zeit, denn die Aufträge erstreckten sich von Reden, Präsentationen oder schlichten Bewerbungsunterlagen bis zu einem Portfolio für einen Wasserzweckverband, Werbematerialien für einen Freund, der ein Lokal eröffnet hatte und vielem mehr. Dummerweise überwiegend Sachen, bei denen keine Folgeaufträge zu holen waren, das war der Nachteil daran – und natürlich die Bezahlung, denn das Ganze dümpelte mehr oder weniger im Freundes- und Bekanntenkreis dahin und jeder Auftrag erforderte viel Zeit für umfassende Recherchen oder zur Ideenfindung.

Das änderte sich, als ich 2003 – wieder mal wie die Jungfrau zum Kind – mit einem kleinen Verlag in Kontakt kam, von dem ich dann regelmäßig Korrektoratsaufträge bekam; natürlich war auch das nicht sonderlich gut bezahlt, aber ich konnte wahnsinnig viel lernen, wurde zunehmend sicherer, aus den Korrekturen wurden Lektoratstätigkeiten – meine Begeisterung fürs Lesen und mein Sprachgefühl zahlten sich aus. So kristallisierte sich allmählich eine greifbare Möglichkeit heraus, als Lektorin zu arbeiten und ich wurde mutiger, fing an, mich und meine Dienstleistungen direkt anzubieten. Natürlich kamen erst mal nur wenige Aufträge, überwiegend die üblichen 08/15-E-Books, und ich investierte mehr Zeit in die Akquise als in die eigentliche Arbeit. Nebenher fing ich an, Übersetzungsaufträge aus dem Englischen zu übernehmen, erhielt aber halt auch „nur“ kleinere Aufträge, wie beispielsweise von einem nicht gerade zahlungskräftigen IT-Studenten, der mit seinen englischsprachigen Schulungsunterlagen nicht zurechtkam – angesichts der vielen Fachbegriffe eigentlich „gekaufte“ Arbeit, aber auch da konnte ich unglaublich viel lernen.

Schließlich reagierte einer der Verlage – noch dazu einer, von dessen Büchern ich großer Fan war – auf meine Bewerbung. Man teilte mir mit, dass aktuell zwar keine Lektoren gebraucht würden, man aber händeringend zuverlässige, versierte Korrektoren suche. Tja – lieber den Spatz in der Hand … Ich sagte zu und bekam laufend Aufträge. Der Verlag war mit meiner Arbeit mehr als zufrieden und heute … na ja, zwischendurch habe ich einen kurzen Abstecher ins Lektorat unternommen, der ebenfalls sehr gut ankam und heute darf ich mich dort zu den Stammübersetzern zählen, was wiederum dazu geführt hat, dass auch von anderen Verlagen Anfragen hereinkommen.

Mit den entsprechenden Referenzen im Rücken war es dann nicht mehr allzu schwer, meine Dienstleistungen an den Mann zu bringen – von 2013 an durfte ich regelmäßig für eine kleinere Verlagsgruppe lektorieren und schließlich die Leitung des Lektorats übernehmen. Damit lag die Entscheidung bei mir, welche der eingereichten Manuskripte angenommen wurden, und das hat sich sowohl für mich als auch für den Verlag ausgezahlt, denn die Qualität der Veröffentlichungen wurde erheblich besser und meine Kontakte multiplizierten sich plötzlich. Nach vielen Jahren Arbeit hatte ich mir endlich einen Namen gemacht und einen guten Ruf erworben.

2018 war ich an dem Punkt angelangt, den ich immer herbeigesehnt hatte – ich hatte mir geschworen, dass ich mit 50 keinen Chef mehr vor der Nase habe –, ich konnte mich endlich selbstständig machen. Und zwar genau mit den Tätigkeiten, die mir die liebsten sind: Lektorat und Literaturübersetzungen aus dem Englischen. Bücher sind meine Leidenschaft und gewissermaßen auch meine Berufung, und jetzt ist mein liebstes Hobby wirklich mein Beruf.

Was kann ich euch nun im Hinblick aufs „Home Office“ mit auf den Weg geben?

Auf alle Fälle braucht ihr Geduld, dessen dürft ihr sicher sein. Der Markt boomt wie verrückt und ihr müsst euch nicht nur von der Masse abheben, sondern ein Alleinstellungsmerkmal finden, das euch auszeichnet, denn es gibt nichts Wichtigeres als Referenzen, was wiederum begeisterte, zufriedene Kunden bedeutet, die einen weiterempfehlen. Klingt einfach, ist es aber nicht, denn es erfordert Durchhaltevermögen und vor allem Professionalität und einen offenen, ehrlichen Umgang mit potenziellen und realen Auftraggebern. Achtet auf euren Homepages und in eurer Korrespondenz auf fehlerfreie, sympathische Texte, ohne anmaßend zu wirken. Macht keine Mitbewerber schlecht – das sagt mehr über euch aus als über die betreffende Person – und lasst euch nicht dazu herab, gekränkt oder gar persönlich zu reagieren, wenn jemand anderer versucht, euch in ein schlechtes Licht zu rücken.

Und vor allem: Macht euch bewusst, dass es keine Sau interessiert, wie dringend ihr das Geld braucht. Genauso ist es nämlich. Seid euch darüber im Klaren, dass hier Professionalität gefragt ist – wie in allen anderen Branchen auch. Wenn ihr essen geht und die Bedienung ist pampig und unaufmerksam, fragt ihr euch doch auch nicht, ob sie eine Doppelschicht schieben muss, ein krankes Kind zu Hause hat oder sonst was. Ihr gebt einfach kein Trinkgeld.
Und dasselbe gilt auch für euch, wenn ihr euch auf dem Markt bewegt. Konzentriert euch auf eure Leistung, zeigt, was ihr könnt und macht um Gottes willen nicht irgendwelche Fantasiepreise … vor allem am Anfang nicht. Erst vor ein paar Tagen hat mich eine Freundin auf die (gerade mal ein paar Wochen alte) Homepage einer Schweizerin aufmerksam gemacht, die allen Ernstes 50 SFR (ca. 46 Euro) für eine Normseite Lektorat verlangt. Ein durchschnittlicher Roman umfasst etwa 300 Normseiten … Wer soll das denn bezahlen? Und wofür, wenn es Tausende Mitbewerber gibt, die denselben Job für einen Bruchteil davon erledigen? In solchen Fällen lässt sich kein nachvollziehbarer Mehrwert für den Kunden aufzeigen, der den Preis rechtfertigt.

Bleibt stattdessen flexibel, seht euch die Aufträge und Kundenwünsche genau an und macht ein Angebot, das für beide passt. Haltet euch immer vor Augen, dass zuverlässige Folgeaufträge und die damit verbundene Mundpropaganda wichtiger sind, als mit Gewalt zu versuchen, sich an einem einzelnen Auftrag „gesundzustoßen“. Hier ist unternehmerisches Denken gefragt und das bedeutet: langfristiges Denken.

Was aber noch viel wichtiger ist – sozusagen das ultimative A und O –, ist Disziplin. Als Angestellter musst du pünktlich in der Arbeit sein, deine Aufgaben in einer bestimmten Zeit erledigen und in einem gewissen Maß auch die Firma repräsentieren. Wenn diese Struktur gegen eine Tätigkeit im Home Office eingetauscht wird, geht sie häufig verloren; dann kommen Gedanken auf wie z. B. „Ich bin mein eigener Chef, ich kann’s mir einteilen.“, „Ich muss morgens nicht mehr so früh aufstehen, die Zeit hol ich schon wieder rein.“ oder Ähnliches. Und das ist der größte Fehler, den man machen kann. Viel zu leicht ist der ganze Vormittag beim Teufel, wenn man „schnell noch die Wäsche macht“, sich auf Facebook und Konsorten verfranst oder „es gemütlich angeht“. Dann steht man plötzlich da und hat gerade mal vier Stunden am Tag gearbeitet – das ist viel zu wenig, um davon zu leben. Infolgedessen entsteht Stress und man bekommt ein schlechtes Gewissen, das einen noch mehr lähmt. Macht euch einen Tagesplan und haltet euch daran, steht morgens auf, macht euch fertig – genauso, als müsstet ihr ins Büro. Schottet euch ab und konzentriert euch ausschließlich auf die Arbeit, legt Pausen ein, an die ihr euch strikt haltet und vermeidet jede Ablenkung. Nur so könnt ihr euren Arbeitstag auch mit dem guten Gefühl abschließen, alles, was ihr euch vorgenommen habt, auch erledigt zu haben und euch auf den nächsten Tag freuen. Letzten Endes ist das das beste Gefühl, das es gibt!

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